Die Tierfotografie ist faszinierend und anspruchsvoll zugleich, denn sie birgt gleich mehrere besondere Herausforderungen:
  • Wenn du Tiere in freier Wildbahn fotografierst, weißt du nicht, wo du sie antreffen wirst.
  • Wenn du sie gefunden hast, weißt du im Vorfeld nicht, wie sie sich gleich verhalten werden.
  • Viele Tiere bewegen sich sehr schnell.
  • Du findest die Tiere nicht immer in „optimaler Portrait-Position“, d.h. du musst mit störenden Hintergründen und Bildelementen rechnen.

Damit deine Tierfotos demnächst noch besser werden, habe ich dir in diesem Artikel ein paar Tipps zum Einstieg in die Tierfotografie zusammengefasst.

TIPP 1: BEGIB’ DICH AUF AUGENHÖHE MIT DEINEM MOTIV

Mit der Tierfotografie verhält es sich genauso wie mit der People-Fotografie – du musst dich auf Augenhöhe begeben, um ausdrucksstarke Fotos zu bekommen. Die meisten Tiere wirst du verschrecken, wenn du dich bewegst. Daher musst du dich bereits in die richtige Position begeben, bevor das Tier auftaucht. In freier Wildbahn bedeutet das manchmal, dass du lange ausharren musst, bis ein Tier vorbeikommt. Daher solltest du bereits bei der Auswahl deiner Position darauf achten, dass du eine Stelle wählst, an der das gewünschte Tier wahrscheinlich vorbeikommt. Wenn möglich solltest du dich im Vorfeld mit den typischen Verhaltensweisen der Tiere vertraut machen. Dafür kannst du entweder im Internet recherchieren oder du gehst einfach raus und beobachtest die Tiere, bevor du sie fotografierst. Dafür musst du im Vorfeld einiges an Zeit investieren – aber es lohnt sich!
Murmeltier auf der Bachlalm
Wenn du Haustiere oder relativ zutrauliche Tiere fotografieren möchtest, ist die Situation natürlich deutlich einfacher. Nehmen wir als Beispiel die Murmeltier-Bilder, die ich auf der Bachlalm bei Filzmoos in Österreich aufgenommen habe. Die Tiere sind nur wenig scheu und lassen sich mit Möhren und Erdnüssen sehr gut anlocken. Wenn sie dann nah herangekommen sind, kannst du sie ganz einfach fotografieren. Hier reicht es wirklich aus, sich einen guten Standort zu suchen, dort vielleicht ein paar Erdnüsse zu deponieren, sich auf den Boden zu begeben und dann zu warten.

TIPP 2: ACHTE AUF DEN HINTERGRUND UND STÖRENDE BILDELEMENTE

Als ich meinen ersten Vogel scharf abgelichtet hatte war ich begeistert. Nur der scharfe Vogel zählte! Aber beim genauen Hinsehen zeigte sich doch das ein oder andere Problem – störende Hintergründe oder Bildelemente (s. Murmeltierbild weiter unten) lenken von dem eigentlichen Motiv ab und verhindern, dass der Betrachter sich voll auf das Hauptmotiv konzentrieren kann.
Den störenden Hintergrund kannst du verhindern, in dem du auf einen großen Abstand zwischen Tier und Hintergrund achtest. Wenn du dann noch mit einer langen Brennweite und einer weit geöffnete Blende arbeitest (kleine Blendenzahl), wird der Hintergrund wunderschön unscharf und lenkt nicht vom Hauptmotiv ab.
Bei den störenden Bildelementen musst du bei der Bildkomposition selbst aufpassen. Wenn möglich, nimm dir die Zeit das gesamte Bild vor der Aufnahme zu analysieren und dann zu entscheiden, ob sich die Aufnahme so lohnt, ob du noch eine andere Position einnehmen musst oder ob du noch etwas „aufräumen“ solltest. Manche störenden Elemente (Grashalme, Zweige etc.) kannst du entfernen.

Tipp: Wenn du wissen möchtest, wie du den Hintergrund deiner Fotos schön unscharf bekommst, möchte ich dir meinen Artikel Rezept: Wie bekomme ich den Hintergrund unscharf ans Herz legen!

Meise auf Vogelhaus
Beispiel: Diese Meise habe ich an unserem Vogelhäuschen zwar recht gut abgelichtet. Der Hintergrund war weit weg und ist mit der Blende von f/8 und einer Brennweite von 300 mm immer noch schön unscharf. Du siehst an diesem Beispiel, dass es nicht immer die kleinste Blendenzahl sein muss, um den Hintergrund unscharf zu bekommen. Mit der langen Brennweite von 300 mm und dem wirklich weit entfernten Hintergrund reichte hier eine Blende von f/8, um den Hintergrund unscharf zu bekommen.
Aber leider sieht man, dass die Meise auf dem Dach unseres Vogelhauses sitzt. Dieses ist mit Teerpappe abgedeckt und enthält außerdem noch die Hinterlassenschaften einiger anderer Vögel – nicht schön! Da ist es fast schon nebensächlich, dass ich auch noch den Schwanz des armen Vogels abgeschnitten habe…

Tipp: Wenn du Vögel in der Nähe von Vogelhäusern fotografieren möchtest, kannst du einen Zweig oder einen Ast in der Nähe des Vogelhauses positionieren. Die Vögel nehmen häufig beim Anflug auf das Vogelhaus diesen Ast als Zwischenlandeplatz. So kannst du die Kamera bereits vorher auf diesen Punkt ausrichten, auf den Hintergrund achten und dann benötigst du nur noch etwas Geduld!

TIPP 3: DYNAMISCHE FOKUSMETHODE WÄHLEN

Da sich Tiere mitunter schnell bewegen, ist es nicht einfach den Fokus zu setzen. Hast du gerade auf das Auge fokussiert und das Tier bewegt sich nur ein wenig, sitzt der Fokuspunkt wieder falsch. Um dies zu verhindern bieten viele Kameras eine dynamische Fokusmethode, bei der du einmal auf das Auge fokussierst, den Auslöser jetzt halb durchgedrückt hältst. Der Fokuspunkt bewegt sich jetzt mit dem Tier weiter, so dass weiterhin das Auge scharf bleibt.
Die einzelnen Kamerahersteller haben diesen Modus unterschiedlich benannt:
KameraBezeichnung
SonyAF-C
NikonAF-C
Canon AI Servo AF
PanasonicAFC

TIPP 4: DER FOKUS SOLLTE AUF DEN AUGEN LIEGEN

Ähnlich wie bei der Portraitfotografie solltest du auch bei der Tierfotografie mindestens ein Auge immer im Fokus haben, also scharf darstellen. Die Augen ziehen bei fast allen Betrachtern den ersten Blick an, daher sollten sie immer klar dargestellt sein.
TIPP:  Bei den meisten Kameras kannst du in den manuellen und halbautomatischen Programmen den Punkt wählen, auf den fokussiert werden soll. Im Automatik-Modus fokussiert die Kamera häufig auf den Punkt, der der Kamera am nächsten ist, sofern er sich nicht gerade am Bildrand befindet. Das ist leider nicht immer der Punkt, auf den du den Fokus setzen möchtest. Wenn du den Fokus selbst setzen möchtest, kannst du das z.B. in den Programmen A/AV, T/TV und M einen der angezeigten Fokuspunkte wählen. Im folgenden beschreibe ich für zwei Kameratypen, wie man den Fokuspunkt manuell setzen kann. Bei allen Kameras gibt es mehrere Möglichkeiten, ich beschreibe hier jeweils eine Methode für eine Canon und eine Nikon-Kamera. Wenn du dich auch für die anderen Methoden interessierst, siehe einfach in der Anleitung zu deiner Kamera nach, dort wirst du fündig werden!

Canon EOS 6D, 700D und diverse weiter Canon-Kameras:

  • Programm-Modus P, AV, TV oder M einstellen
  • Knopf Fokuseinstellung drücken Bild EOS600D_Fokusfeld
  • Durch den Sucher sehen und durch Drehen des Haupteinstellrades oben auf der Kamera das gewünschte Fokusfeld wählen. Nach und nach durchläuft die Kamera alle Fokusfelder, bis schließlich alle Felder hervorgehoben werden, dann verhält sich die Kamera wieder so, wie im automatischen Modus. Drehst du weiter, werden wieder die einzelnen Felder hervorgehoben. Im Sucher wird das aktuell gewählte Feld farblich hervorgehoben. Anschließend positionierst du diesen hervorgehobenen Punkt auf das Auge des Tieres, drückst den Auslöser halb durch und die Kamera fokussiert auf diesen Punkt.

Nikon D3300

  • Belichtungssteuerung P, S, A oder M einstellen
  • Die Fokusmethode darf nicht auf AF-S stehen. Zum Umstellen die i-Taste drücken, den aktuellen Fokusmodus (AF-S) markieren und dann OK drücken. Mit dem Multifunktionswähler auf der Rückseite der Kamera einen anderen Fokusmodus wählen und mit OK bestätigen.
  • AF-Messfeldsteuerung auf „Einzelfeld“, „Dynamisch“ oder „3D-Tracking“ stellen. Hierfür ebenfalls die i-Taste drücken, die aktuelle Messfeldsteuerungsmethode wählen und OK drücken. Mit dem Multifunktionswähler die gewünschte Steuerungsmethode wählen und mit OK bestätigen. Nochmals die i-Taste drücken, um zur Aufnahmeanzeige zurück zu kommen.
  • Das Fokusmessfeld lässt sich jetzt in der Aufnahmeanzeige mit Hilfe der Pfeiltasten des Multifunktionswählers wählen. Das aktuelle Fokusmessfeld wird dabei hervorgehoben. Das mittlere Fokusfeld wird über die OK-Taste gewählt.
Kröte
Auf einer Frühlingswanderung im Harz saß diese Kröte auf dem Weg und bewegte sich nicht von der Stelle, als wir näher kamen. Also legte ich mich auf den Waldboden und begann die Einstellungen vorzunehmen:
  • Brennweite 105 mm
  • Blende f/4.5
  • Belichtungszeit 1/80s (die Kröte saß ja still, daher musst ich keine kürzere Belichtungszeit erreichen)
  • Fokuspunkt aufs Auge der Kröte gesetzt
Hätte ich von oben fotografiert, hätte ich die ausdrucksstarken Augen nicht so gut einfangen können. Auch Vorder- und Hintergrund wären nicht so klar abgegrenzt gewesen.

TIPP 5: SETZE DAS TIER NICHT MITTIG INS BILD

Eine wichtige Regel der Bildkomposition besagt, dass das Hauptmotiv nur in Ausnahmefällen mittig ins Bild gesetzt werden soll. Besser ist es, ein Bild ein ein Raster aufzuteilen und wichtige Elemente auf den Linien bzw. Kreuzungspunkte zu platzieren.

Diese Regel kannst du auch sehr gut auf die Tierfotografie anwenden. Dabei solltest du dabei immer darauf achten, dass der Raum, in den das Tier schaut oder in den es sich bewegt frei bleibt, damit der Betrachter des Bildes dem Blick bzw. der Bewegung des Tieres noch etwas folgen kann. Auch für diese Regel ist das Krötenbild ein gutes Beispiel.

Die Kröte sitzt gemäß Drittelregel fast genau auf dem Kreuzungspunkt der linken und der unteren Linie. Der Blick geht nach rechts in den freien Raum. Sollte sie sich gleich doch einmal bewegen, würde sie auch in diesen freien Raum gehen.

BEISPIELE

Im folgenden möchte ich dir mit dem folgenden Bild zeigen, was schief gehen kann… Um dir dann mit einem anderen Bild zu zeigen, wie es besser geht.

Ein schlechtes Beispiel für die Tierfotografie ist dieses Bild: Der Stein hinter dem Murmeltier ist sehr nah an dem Tier und daher fast vollständig scharf (Tipp 2 missachtet). Das Murmeltier befindet sich mittig im Bild, dadurch ist der Bildaufbau etwas langweilig (Tipp 5 missachtet). Und dann sitzt es direkt vor einem Riesenhaufen Möhren, die es in freier Wildbahn sicher nicht gefunden hätte (ebenfalls Tipp 2 missachtet). Insgesamt kein wirklich schönes Bild, obwohl ich Tipp 1, Tipp 3 und Tipp 4 beachtet hatte.

Besser wirkt dieses Bild:
Das Murmeltier befindet sich gemäß „Drittelregel“ (Tipp 5) nicht im Zentrum des Bildes, sondern in etwa auf der Linie, die das linke Drittel von dem mittleren Drittel trennt. Der Blick des Murmeltieres geht in den freien Raum rechts vom Tier, der Betrachter hat ausreichend Platz, dem Blick des Murmeltieres zu folgen. Die Bildanteile hinter und vor dem Murmeltier sind unscharf und enthalten keine störenden Elemente, die vom Hauptmotiv ablenken (Tipp 2) . Das Bild wurde mit einem Teleobjektiv mit einer Brennweite von 300 mm aufgenommen, die Blende war f/5.6. Das Auge des Murmeltieres ist scharf dargestellt (Tipp 4) und ich war auf Augenhöhe mit dem Murmeliter (Tipp 1).

Noch ein schlechtes Beispiel: Diese Bachstelze habe ich bei uns im Garten mit einem Tele-Objektiv (300 mm Brennweite) aufgenommen. Leider sind das Auge und der Schnabel samt Inhalt nicht richtig scharf. Da ich eine Belichtungszeit von 1/640s gewählt hatte, liegt es wohl an einer falschen Fokussierung. Das Gras vor dem Vogel ist außerdem etwas zu scharf, während der Vogel selbst etwas unscharf daher kommt. Auch ist er etwas zu mittig positioniert.

Eines meiner Lieblingsbilder ist dieses von den kleinen Enten am Timmendorfer Strand: Die Enten befinden sich der Drittelregel entsprechend auf der unteren und rechten Linie. Die Tiere sind scharf, das Meer, der Sand und die Steine drum herum eher unscharf mit einem schönen Bokeh-Effekt. Aufgenommen habe ich das Bild ebenfalls mit einem Tele-Objektiv mit einer Brennweite von 300 mm und einer Blende von f/5.6. Die Belichtungszeit betrug 1/500 s.

Zum Abschluss noch zwei kleine Tipps:
  1. Wenn du in freier Wildbahn fotografierst, wähle eine angemessene Kleidung. Also nicht so grelle Farben, lieber oliv- und braun-Töne. So fällst du nicht so sehr auf und verschreckst die Tiere nicht.
  2. Insekten (z.B. auch Libellen) lassen sich am besten am frühen Morgen oder am späten Abend fotografieren. Sie bewegen sich nur wenig, wenn es für sie zu kalt ist – so kannst du dich in aller Ruhe positionieren und fokussieren, ohne dass sich dein Motiv bewegt.
Ich wünsche dir jetzt viel Spaß bei deinem nächsten Tier-Shooting und hoffe, die Tipps helfen dir ein wenig!
Bis bald und herzliche Grüße
Nicky