Kürzlich war ich spazieren und hatte meine Kamera mitgenommen. Ich hatte keine große Hoffnung ein gutes Foto zu machen, es war windig, regnete hin und wieder und die meiste Zeit war es stark bewölkt. Aber am Ende des Tages hatte es sich doch gelohnt, ich habe einige Fotos gemacht, die mir gefallen haben. Dass der Weg zum guten Foto dabei nicht immer gerade ist, möchte ich Dir in meinem heutigen Artikel zeigen. Manchmal benötigst Du einfach etwas Geduld, musst mit den Einstellungen und den Umgebungsbedingungen spielen und dann ist es plötzlich da – das schöne Foto 🙂

DIE AUSGANGSSITUATION

Hier siehst Du die Ausgangssituation für mein Foto. Sieht nicht gerade spektakulär aus, oder? Und trotzdem ist am Ende ein recht schönes Foto dabei herausgekommen, daher möchte ich Dir diesen Tipp wirklich ans Herz legen: Halte Deine Augen offen und suche nach schönen Motiven. Manchmal sehen sie klein und unscheinbar aus, können aber trotzdem ein echter Hingucker werden. 

Aber nun zurück zur Ausgangssituation: Dieses Gebüsch stand am Wegesrand in Richtung Süden. Vor dem Gebüsch standen ein paar Gräser (sind das Gräser? Naja, auf jeden Fall die braunen Stängel vor dem Gebüsch). An diesen Gräsern waren feine weiße Härchen, hin und wieder schien die Sonne durch das Gebüsch von hinten auf diese Gräser. Es war sehr windig und die Gräser bewegten sich relativ stark im Wind hin und her. Das sind alles in allem relativ anspruchsvolle Bedingungen. 

MEIN ZIEL

Was wollte ich mit diesem Foto erreichen?

  • Ich wollte gern dieses feingliedrige Gras scharf darstellen.
  • Der Hintergrund aber sollte ganz verschwommen und unscharf sein. Insbesondere wenn die Sonne scheint gibt das diese schönen runden Bokeh-Flecken im Hintergrund.
  • Die weißen Härchen des Grases sollten durch das Gegenlicht hell in der Sonne leuchten.
  • Insgesamt wollte ich das Foto in einem goldigen Beige halten. 

VERSUCH 1

Ich habe im manuellen Modus fotografiert und mich im ersten Anlauf  für eine Blende von f/4.0 und eine Belichtungszeit von 1/1000 s entschieden. Der ISO-Wert war mit 1600 relativ hoch gewählt. Fokussiert habe ich ebenfalls manuell. Der Auto-Fokus ist in solchen Situationen überfordert, da er das feine Gras, das sich noch dazu stark bewegt, nicht als das Hauptmotiv erkennt und daher viel lieber auf den Hintergrund fokussiert. 

Aufgenommen mit einer Canon EOS 6D, 100 mm Macro-Objektiv, f/4.0, 1/1000 s, ISO 1600 

War ich mit dem Ergebnis zufrieden? Nicht wirklich 🙂 Das Foto ist insgesamt zu hell, das Gras hängt viel zu sehr in der oberen rechten Ecke (daran war der Wind schuld) und scharf ist das Gras auch nicht. Das wiederum liegt einerseits auch an dem Wind, der das Gras aus der Schärfe-Ebene bewegt hat, und andererseits an der relativ weit offenen Blende, die nur einen kleinen Bereich scharf darstellt. 

VERSUCH 2

Bei der zweiten Aufnahme habe ich mich für gänzlich andere Werte entschieden… Der ISO-Wert war mir im ersten Versuch viel zu hoch, am hellen Tage benötigt man eigentlich keinen ISO-Wert von 1600. Daher hatte ich jetzt einen ISO-Wert von 250 eingestellt. Die Belichtungszeit von 1/1000 s wäre jetzt aber zu kurz gewesen, die Lichtmenge hätte nicht ausgereicht, um das Foto korrekt zu belichten. Daher habe ich die Belichtungszeit verlängert auf 1/320 s und gleichzeitig die Blende noch weiter geöffnet auf f/2.8. Damit war das Foto zwar etwas dunkler als der erste Versuch, aber immer noch hell genug. Da die Belichtungszeit jetzt länger war, musste ich auf einen etwas windstilleren Moment warten, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden. 

 

Aufgenommen mit einer Canon EOS 6D, 100 mm Makroobjektiv, f/2.8, 1/320 s, ISO 250

Aber ich war wieder nicht ganz zufrieden: Das Gras war nicht richtig scharf, nur ein ganz kleiner Teil war wirklich klar zu erkennen. Die Sonne hatte gerade eine kleine Verschnaufpause eingelegt und daher war auch im Hintergrund kein leuchtendes Bokeh zu erkennen. Außerdem hatte ich bei der Bildkomposition nicht darauf geachtet, dass mehrere helle Gräser auf dem Foto waren. Diese hellen Bild-Bestandteile ziehen den Blick des Betrachters an und lenken vom eigentlichen Motiv ab. 

VERSUCH 3

Da immer noch sehr viele Teile des Motivs unscharf waren, schloss ich die Blende auf f/9.0. Ich stand relativ nah an dem Gras, gerade so in der Entfernung des Mindestabstands, in der es dem Objektiv noch gelingt scharf zu stellen. Daher konnte ich auch mit einer Blende f/9.0 noch ein schönes Bokeh im Hintergrund erzeugen. Die Belichtungszeit hatte ich wieder etwas verkürzt auf 1/640 s, um die Bewegung durch den Wind auszugleichen. Daher musste ich den ISO-Wert wieder etwas erhöhen auf ISO 800. 

f/9.0, 1/640 s, ISO 800

Dieses Mal war ich schon deutlich zufriedener, im Hintergrund waren Bokeh-Flecken, das Gras war scharf, die Stimmung war schon ganz schön und die weißen Härchen leuchten im Gegenlicht. Gestört hat mich jetzt noch die Bildkomposition – es gab immer noch helle Gräser im Hintergrund, die den Blick des Betrachters ablenkten. 

VERSUCH 4

Um die Stimmung noch etwas heller einzufangen, habe ich im letzten Versuch doch die Belichtungszeit wieder verlängert auf 1/320 s – so kam wieder etwas mehr Licht auf den Sensor. Bei der Bildkomposition habe ich noch etwas besser darauf geachtet, dass sich nicht so viele ebenfalls leuchtende Gräser im Hintergrund befanden. Tatsächlich war ganz rechts noch ein anderes Gras zu sehen, daher habe ich das Foto zu Hause am Rechner noch etwas zugeschnitten und so den störenden hellen Fleck entfernt. Alles in allem bin ich mit dem Ergebnis super zufrieden – ich konnte alles umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte. 

f/9.0, 1/320 s, ISO 800

FAZIT

Bei diesem Spaziergang habe ich einiges gelernt: 

  • Auch bei eher schlechten Wetter können gute Fotos gelingen. Hätte ich die Kamera nicht mitgenommen, hätte ich mich wahrscheinlich geärgert. Also nimm Deine Kamera lieber einmal zu viel als einmal zu wenig mit. 
  • Bei diesen widrigen Umgebungsbedingungen mit viel Wind, Gegenlicht und feinem Motiv lässt es sich am besten im manuellen Modus fotografieren – sowohl bei den Belichtungseinstellungen als auch beim Fokus.
  • Manchmal muss man sich zum Ziel vortasten und flexibel bleiben. 
  • Zu Anfang hätte ich nicht gedacht, dass ich mit einer relativ weit geschlossenen Blende von f/9.0 noch solch schöne Bokeh-Flecken erzeugen kann.  Aber probieren geht über Studieren – es zählt einzig und allein das Ergebnis

Und jetzt bist Du wieder dran. Nimm bei Deinem nächsten Spaziergang einfach Deine Kamera mit, suche Dir ein Motiv und überlege Dir, wie Du es einfangen möchtest. Und dann probierst Du mit den Einstellungen so lange herum, bis Du zufrieden bist.  Ich wünsche Dir viel Spaß und vor allem viel Erfolg dabei!

Sei herzlichst gegrüßt

Nicky

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